Set 1 - Der Verlust des Fluges

Set 1 unterstützt die Tierschutzorganisation "Atgal i gamta"

In meiner Heimatstadt gab es eine Gegend voller alter Holzhäuser. Jedes von ihnen hatte einen kleinen Garten und Schuppen. Nach heißen Sommertage regnete es abends warm. Und jedes Mal kurz bevor sich die dicken Wolken entluden, jagten Schwärme von Vögeln die niedrig fliegenden Insekten. Die große, rote Abendsonne versank am Horizont und hunderte Schwalben tanzten die kompliziertesten Lufttänze. Wir saßen am Gartenzaun mit meiner Großmutter und hörten im letzten Abendlicht dem Zirpen zu. “Bald regnet es”, würde meine Ur-Großmutter jedes Mal sagen und ihre Art der Wettervorhersage gab mir den Verdacht, sie wäre eine Hexe. So aufzuwachsen, zweifelte ich nie an der Beständigkeit des Vogelspiels. Sie lebten in vollkommener Harmonie mit ihrer menschlichen Umgebung, nisteten in den schmalen Spalten und Schlupflöchern unserer Häuser und dafür tanzten sie mit uns jeden Sommerabend.

Ich erinnere mich daran als unser älterer Nachbar starb. Seine Kinder beschlossen das alte Holzhaus abzureißen und bauten stattdessen ein Stahlbeton-Schloss. Die zentrale Lage der Nachbarschaft versprach ein großartiges Geschäft. Das neue Haus war blitzend sauber: der Garten verwandelte sich in einen Asphalt-Parkplatz für Luxusautos, jegliche Grünflächen wurden mit Geröllstein versiegelt und alle Wände und Dachüberhänge zweimal jährlich gereinigt, um jegliche Vogelnester zu entfernen. Als erstmals die Jungvögel auf den Gehsteig geschmissen wurden, als Futter für die Nachbarkatzen, nahm ich einen mit nach Hause. Für eine Ferienwoche kümmerte ich mich um den kleinen Vogel, fing Insekten im Garten und fütterte sie in kleinen Stückchen. Der kleine Vogel hüpfte piepsend herum und meine Großmutter sagte mir mit einem Lächeln, er lerne zu fliegen. Ein paar Tage später war der Vogel weg. Mir wurde erzählt, er sei weggeflogen und zurück in der Natur. Heute verstehe ich, dass der Vogel in der Nacht verstarb und mir meine Großeltern lieber eine Geschichte mit glücklichem Ausgang erzählten.

Bis zur Zeit in der ich selbst ein Elternteil wurde, verschwand die kleine Hausgegend um Platz für gläserne Hochhäuser zu machen. Jetzt arbeite ich sogar in einem von Ihnen und genieße die wunderbare Sicht über die Stadt jeden Tag. Nur die Vögel sind nicht mehr da, um in der Abendsonne zu tanzen.

Eines windigen Tages jedoch, hörte ich ein fiepsendes Geräusch vom Bürobalkon. Neugierig traf ich dort meine Kolleginnen, die zu meiner Überraschung einen verletzen Vogel in einen Schal gewickelt hatten. Jemand hatte auch schon den Wildtier-Rettungsverein angerufen und so meldete ich mich Ihnen den Vogel zu bringen. Es war ein junger Mauersegler, noch nicht in vollen Federn. Die Notunterkunft war voller Vögel: Krähen, Raben, Eulen, sogar ein Schwan mit einem gebrochenen Flügel aber auch überraschend viele Mauersegler. Da sie Segler sind, halten sie sich nach Verlassen des Nests fast ausschließlich in der Luft auf, ohne je auf dem Boden zu landen. Werden sie zu einer Notlandung gezwungen, können sie aus eigener Kraft oft nicht mehr starten und brauchen Hilfe. Sei es ein gebrochener Flügel durch das Treffen einer Glasscheibe, Verletzungen durch spielende Hauskatzen oder obdachlose Vögel durch Verlust der Nistplätze.

Ich wusste nie wie viel Arbeit und Zeit es braucht um einen so kleinen Vogel wieder gesund zu machen! Ein Mauersegler muss alle paar Stunden gefüttert werden. Der kleine Federball, den ich zur Rettung gebracht habe, war zu jung um allein zu überleben. Er musste dringend aufgepäppelt werden, um wieder in die Natur entlassen werden zu können. Am Anfang nahm er kaum Nahrung zu sich und verlor sogar Gewicht, dabei fütterten ihn die freiwilligen Helfer 6 bis 7 Mal am Tag ohne Erfolg. Die Situation war frustrierend und beinahe hoffnungslos bis die Idee aufkam, ihn vielleicht einem anderen Mauerseglerpaar zum Kümmern zu überlassen. Der Verein kannte ein paar Brutstellen und entschied den kleinen Vogel in eins der Nester zu setzen. Es war ein riskanter Zug, aber nur so blieb eine Chance.

Es war eine unruhige Woche nachdem der Vogel seinen neuen Stiefeltern eingeführt wurde. Wir prüften täglich das Nest aus der Ferne, um zu wissen, ob der Kleine noch dort war. Doch es glückte und nicht nur wurde der kleine Mauersegler akzeptiert, er war bald so stark, das Nest zu verlassen. So sahen wir dabei zu, wie die neue Familie tanzend in die Abendsonne stieg.